Kräuterbuschen I: Die goldene Mitte

Die Königskerze wächst ganz gerne an den unmöglichsten Stellen

Die Königskerze wächst ganz gerne an den unmöglichsten Stellen

In vielen Gegenden steht traditionell die Königskerze in der Mitte des Kräuterbuschens. Als ganz praktischen Grund hat dies sicherlich, dass sie eine alte Heil- und Zauberpflanze ist und, wenn man sie mit in den Strauß bindet, gehört sie allein ihrer Größe wegen einfach in die Mitte. Mythologisch begründet soll eine Marienpflanze im Mittelpunkt des Kräuterbuschens stehen, da es Maria Himmelfahrt die Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel gefeiert wird. Der Legende nach sollen in ihrem Grab nicht ihr Leichnam, sondern viele duftende, heilkräftige Kräuter gefunden worden sein, nachdem sie in den Himmel aufgefahren ist. Allerdings handelt es sich bei dieser schönen Erzählung wohl um die Rechtfertigung, einen alten heidnischen Brauch in die christliche Tradition einzugliedern. Denn der Brauch des Kräutersammelns und -weihens um diese Zeit ist um einiges älter als das Christentum in unseren Breiten. In der Synode von Liftinae im Jahr 743 versuchten die Kirchenoberen, diesen Brauch zu bannen, aber die Frauen ließen sich nicht davon abhalten, weiter ihre Kräutersträuße zu binden. So legte man in diese Zeit einfach ein Marienfest und band die alte Tradition einfach ins christliche Brauchtum mit ein. So hat sie bis in unsere Tage überlebt und vielerorts besinnt man sich in letzter Zeit wieder stärker auf diesen schönen Brauch.

Diese Königskerze steht schon in den Startlöchern.

Diese Königskerze steht schon in den Startlöchern.

Aber zurück zur Königskerze. Sie ist schon seit der Antike als Heilpflanze bekannt und aus ihren langen Blütenständen wurden schon damals Lampendochte hergestellt. Vielleicht rührt auch daher ihr teilweise noch gebräuchlicher Name Himmelsbrand. Die heilige Hildegard empfahl die Wullena (so nannte sie die Königskerze wohl ihrer wolligen Blätter wegen) gegen Heiserkeit und Brustschmerzen und als Mittel gegen ein schwaches und trauriges Herz. Auch heute noch finden sich Königsjerzenblüten in Hustenteemischungen, denn ihr Schleimstoffgehalt wirkt vor allem bei trockenem Husten, Heiserkeit und Bronchitis wohltuend. Arzneilich verwendet werden die Großblütige (Verbascum densiforum), die Kleinblütige (V. thapsus) und die Filzige Königskerze (V. phlomoides).

Doch nicht nur als Heilpflanze, sondern auch als magische Pflanze und Wetterorakel war die Königskerze sehr beliebt. So soll man Krankheiten heilen können, indem man mit ihr ein Kreuzzeichen über dem kranken Körperteil schlägt und dazu spricht: „Unsere liebe Frau geht über’s Land, sie trägt den Himmelbrand in ihrer Hand.“ Über die Stalltür gehängt sollte sie böse Geister fernhalten und bei Gewitter verbrannte man Stücke der geweihten Königskerze im Herdfeuer, um Gewitterschäden abzuwenden. Trägt die „Wetterkerze“, wie sie mancheorts auch heißt, wenig Blüten, soll der kommende Winter auch wenig Schnee bringen, trägt sie viele Blüten kommt auch viel Schnee. Selbst heute schwört noch manch einer auf diese Art der Wettervorhersage wie zum Beispiel der Haslinger Sepp aus Kaufbeuren (siehe hier). Er ist überzeugt davon, dass die Königskerze nie lügt. Und die Regeln für das „Lesen“ der Königskerze kann auch jeder Hobbymeterorologe leicht lernen (siehe ). Und wisst ihr schon, wo in eurer Nähe eine Königskerze blüht?

8 Kommentare zu “Kräuterbuschen I: Die goldene Mitte

  1. heike
    28. Juni 2015 um 19:02

    Ja, etliche und sie begleitet mich schon ein paar Jährchen, aber nie habe ich sie geschnitten oder geräuchert. Sie war aber immer schon eine Herzensfreude für mich und ein Schneeorakel. Und es stimmt was sie anzeigt………..Heuer wird es anders sein. Liebe Miri, soll ich sie jetzt schon schneiden , und bewahren bis die anderen Kräuter dazu kommen? Danke liebe Grüße Heike

    • mirjam
      29. Juni 2015 um 07:22

      Schön, dass dich die Königskerze schon länger begleitet. sie ist wirklich eine wunderbare Pflanze. Wann „liest“ die sie denn normalerweise für das Wetterorakel?

      Die Pflanzen für den Kräuterbuschen werden üblicherweise am oder kurz vor Maria Himmelfahrt gesammelt, aber wenn du befürchtest, dass bestimmte Pflanzen bis dahin schon verblüht sind, kannst du sie schon auch vorher pflücken. Die Mails und Beiträge hier sind so gedacht, dass ihr schon mal schauen könnt, was wo wächst.

      Liebe Grüße,
      Miri

      • heike
        23. Juli 2015 um 17:59

        oh, ich habe es erst jetzt gesehen. Also ablesen beim ersten Mal blühen, das heisst im Juni, wenn sie vollständig ist. Und daran erkennt man auch das es von Region zu Region Unterschiede gibt. Wirklich auch so Wettergrenzen werden da deutlich.
        Und es passt immer so…….

  2. Goldeule
    29. Juni 2015 um 21:53

    Ja, zwei Straßen weiter habe ich tatsächlich eine entdeckt 🙂 ! Und doch: diese werde ich bestimmt nicht für den Buschen auswählen, denn man sieht, daß sie jemandem wert ist- sie wächst nämlich auf dem Bürgersteig dicht vor einem Haus, einfach so zwischen den Pflastersteinen hervor und hat schon eine prächtige Höhe. Und jemand hat sie nicht als kleine Pflanze ausgezupft, sondern sie ebendort wachsen lassen. Bestimmt, um sich an der kommenden Blüte zu erfreuen…
    Also schau´ ich weiter… bin aber schon sehr glücklich, so ein Prachtexemplar (einfach so auf dem Weg zur Arbeit!) entdeckt zu haben.

    Goldeule 🙂

    • mirjam
      3. Juli 2015 um 21:38

      Ja, das kann ich gut verstehen, dass du diese Königskerze nicht für den Buschen schneiden willst. Ich habe auch so ein Prachtexemplar, die ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit begrüße. Die „Ersatzpflanzen“ habe ich nicht umsonst vorgeschlagen 😉 Aber streicheln darfst du diese Schönheit bestimmt. Die Blätter sind so schön wollig weich. Die muss man einfach anfassen.

  3. Astrid
    5. Juli 2015 um 08:08

    Liebe Mirjam,

    am Freitag habe ich sie auch entdeckt, in München! Mitten im Wohngebiet ist ein leerstehendes Baugründstück und dort wächst die Königskerze zu Hunderten. Wunderschön 🙂

    Viele Grüße,
    Astrid

    • mirjam
      5. Juli 2015 um 10:50

      Siehst du, auch in der Stadt kann man gut Kräuter suchen. Da könntest du ja gleich für uns alle Königskerzen sammeln 😉 Solche leerstenden Baugrundstücke, Schutthaufen und „Dauerbaustellen“ sind ganz faszinierende Lebensräume. Man kann hier gut beobachten, wie die Besiedelung neu entstandener Lebensräume vor sich geht. Erst kommen die Pionierarten, die einfach überall als erste sind, und dann nach und nach auch beständigere.

  4. Andreas
    7. Juli 2015 um 17:17

    Ich habe gleich ein Haus weiter im Garten meines Bruders eine gefunden und mir schon einmal das Ernterecht gesichert. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.